Literaturagent

Ich habe vor zwei Wochen zufällig (genauer gesagt, weil mich eine befreundete Wissenschaftsjournalistin mitgeschleppt hat) den Vortrag eines auf Sachbücher spezialisierten Literaturagenten angehört und war überrascht zu hören, dass die Verträge mit den Verlagen i.d.R. nicht aufgrund des fertigen Buches, sondern  eines Exposees geschlossen werden. Offensichtlich nach dem Motto: Hauptsache, es handelt sich um ein Thema, das in der Luft liegt, möglichst in Kombination mit einem zugkräftigen Titel, das Buch dazu werden wir dann schon hinkriegen. Falls ein Projekt besonders erfolgversprechend erscheint, organisiert der Agent eine Auktion unter den Verlagen.

Bei wichtigen aktuellen Ereignissen (z.B. die revolutionäre Situation in den Mittelmeerländern oder die Ölkatastrophe im Golf von Mexiko) kann sich das Intervall zwischen Ereignis und fertigem Buch auf wenige Wochen verkürzen. Die Vermarktung eines solchen „Events“ läuft i.d.R. wie folgt ab:

Ereignis
1 Tag später: das T-Shirt dazu ist erhältlich
2 Tage später: die ersten Witze kursieren im Internet
3 Wochen später: Das Buch wird an den Buchhandel ausgeliefert
6 Monate später: der Film kommt in die Kinos
9 Monate später: in der „Berner Zeitung“ erscheint ein kritischer Leitartikel zu den unmittelbaren Folgen 

Nun ist ja meine Philosophie schon immer gewesen: Die wichtigste Qualität eines künstlerisches Produkts, egal ob Buch, Musik oder bildende Kunst, ist seine Authentizität, oder in der genialen Formulierung von Marcel Ophüls: es muss einem persönlichen Mitteilungsbedürfnis entspringen. Es darf sich nie primär am Markt orientieren. Ich kann mich des Eindrucks nicht erwehren, dass sich dieses Prinzip seit der Einführung der Bestsellerlisten nach und nach umgedreht hat. Die eigenwilligen Verlegerpersönlichkeiten der Vergangenheit, die noch Bauchentscheidungen gefällt haben, sind merkantilen  Kaufleuten gewichen, die ganz genau wissen, wie der Markt funktioniert, deshalb werden jedes Jahr gefühlte 80 000 Titel veröffentlicht, von denen 99% sang- und klanglos untergehen.

Ich habe dem Agenten aber dann trotzdem am nächsten Tag eine Mail geschickt und ihn um eine Einschätzung meiner beiden neuen Buchprojekte „Cunnilingus ist kein Honigschlecken – Kleines Kompendium der Sexualität“ und „Wenn Treue Spass macht, ist es Liebe – Kleines Kompendium der multiplen Beziehung“ zu bitten. Dabei war meine Vorgabe: wenn er nicht in spätestens zwei Tagen antwortet, dann vergiss es – soviel Stolz habe ich mir bewahrt.

Umso  erfreuter war ich, als nach vier Stunden die Rückmeldung kam, in der die Titel als „ganz wunderbar“ gelobt  und um ein Exposee gebeten wurde. Besonders angetan hat es mir dieses „ganz wunderbar“, es klingt so schön altmodisch, ist dabei aber der Qualität der Titel durchaus angemessen. Ich habe dem Agenten dann mitgeteilt, dass zu beiden Titeln bereits ein ausgereiftes zweistündiges Bühnenprogramm existiert, bei „Cunnilingus“ sogar eine CD, und dass es im wesentlichen darum geht, aus diesen Programmen ein Buch zu machen, was wesentlich einfacher ist als umgekehrt, da ein wirklich gutes  Bühnenprogramm immer ein Destillat aus der zwei- bis dreifachen Textmenge darstellt, d.h. ich muss es nur „entdestillieren“ (=silliern?), ähnlich wie bei Orangensaft  aus Orangensaftkonzentrat). Ein gutes Gefühl: Selbst wenn ich plötzlich von einer Schreibblockade befallen werden sollte, könnte ich in kürzester Zeit liefern.

Ich habe dem guten Mann dann die Cunnilingus CD und  fünf  A-4 Seiten mit Textproben sowie eine zugegebenermassen ungeordnete Sammlung von möglichen Kapitelüberschriften zugemailt. Als erstes kam eine Abwesenheitsnotiz. So weit so gut, schliesslich standen die Osterferien vor der Tür. Pünktlich nach Ostern  kam dann die Reaktion, jetzt schon deutlich weniger enthusiastisch,  mit einer nochmaligen Bitte um ein nach den Agenturrichtlinien erstelltes Exposees. Ich müsste Verstännis dafür haben, dass für das Lesen von unsortiertem Material die Zeit fehlen würde und man sich die CD anschauen (wörtlich!) würde. Tja, man kann ja wohl nicht erwarten, dass ein vielbeschäftigter Literaturagent nichts besseres zu tun hat als sich eine CD  (= potentielles Hörbuch) eines neuen Autors an- oder zumindest reinzuhören. Ganz zu schweigen vom Lesen von Textproben. Nein, ein Exposee muss her! Alles andere ist offensichtlich Zeitverschwendung!  

Gab es eigentlich schon gute Bücher, bevor es Exposees gab? Mich würden die Exposes zu „Ulysses“, „Tropic of Cancer“ und „Die Asche meiner Mutter“ brennend interessieren. Der letzte der drei Titel fällt wohl  schon in die gegenwärtige  „Ohne-Exposee-geht-gar-nichts“ Periode, trotzdem glaube ich nicht, das Frank McCourt sich darauf eingelassen hätte.

Für mich persönlich ist das Thema Literaturagent (es gibt Analogien zum Fussballerberater, die hat  früher keine Mensch gebraucht) erst einmal abgeschlossen. Wofür haben wir schliesslich das Internet? Ist es ein Zufall, dass  ich  ausgerechnet an dieser möglicherweise wichtigen Weggabelung meiner „Karriere“ clevere Jungs kennengelernt habe, die mich nach einem Bühnenauftritt angesprochen haben. Sie boten mir an,  mir beim Aufbau einer Fangemeinde im Internet behilflich zu sein unter Ausschöpfung aller Möglichkeiten, sprich You Tube, Facebook, Twitter  und einer geilen Homepage. Zumindest die habe ich inzwischen!

Langer Rede kurzer Sinn: Ich habe vier wirklich unglaublich witzige CDs (und das ist nicht nur meine Meinung, sondern auch die meiner Mutter) mit Livemitschnitten sowie zwei bei  einem befreundeten Kleinverlag erschienenen Bücher (vgl.  Homepage) in petto, die alle nur einem kleinen Insiderkreis bekannt sind, und jetzt eben die beiden neuen Buchprojekte, die ich als sorgfältig produzierte Kompakt-Hardbacks (müssen gut in der Hand liegen und optisch ordentlich was hermachen) rausbringen möchte. Da müsste doch noch was gehen, verdammt noch mal! Und zwar ohne Expose!  Oder sollte ich vielleicht ein Expose ins Intenet stellen?

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Über christianueberschall

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