Alleinstellungsmerkmal

Ein neues Unwort macht die Runde: das „Alleinstellungsmerkmal“. Unschwer zu erkennen, dass es einem kranken Marketingfuzzigehirn entsprungen sein muss, offensichtlich in der Absicht, ein wirkungsvolles Verkaufsargument auf ein Schlagwort zu reduzieren. Inzwischen wird es auch auf Menschen, insbesondere Künstler, angewandt (Casting Agent: „Und was ist denn nun ihr Alleinstellungsmerkmal?“)

Ich frage mich immer wieder, wie Menschen kommuniziert haben, als es solche seelenlosen Wörter noch nicht gab. Das ist noch gar nicht so lange her. Dazu gehören übrigens auch „Instrumentalisieren“, „Synergieeffekte“ und „Projektionsfläche“.

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Ein neuer Typ ist aus dem Alltag immer weniger wegzudenken: Der Handyautist. Dafür gibt es keine einsamen Menschen mehr. Früher konnte man bei Individuen, die allein im Lokal oder auf einer Parkbank sassen, oft in ein Buch vertieft, ihre Einsamkeit mit Händen greifen. Heute labern sie ins Handy oder verschicken eine SMS, und sei es an sich selber. Wenn du zu so einem konzentriert über sein Handy Gebeugten im Vorbeigehen sagen würdest: Weg hier, der Laden fliegt gleich in die Luft, würde er nicht mal aufschauen, sondern Dich völlig ignorieren oder mit einer genervten Geste weiterscheuchen.

Ähnliches Phänomen: Es gibt keine geschlossenen Gesellschaften mehr. Und das gilt nicht nur für private Feste und Bankettsituationen. Gerade bei Firmen-schulungen,  Klausurtagungen und Aktionärsversammlungen ist es immer das gleiche Bild: An der Peripherie hängen in jeder Kaffepause ein paar Wichtigtuer herum, die ihre Unentbehrlichkeit für die Aussenwelt demonstrativ unter Beweis stellen, indem sie mit ernster Miene und sehr konzentriert Anweisungen erteilen oder vermeintlich wichtige Informationen entgegennehmen.

Neulich war ich wieder einmal im Theater (wie fast immer eine Enttäuschung, wenn egomanische Regisseure, die sich selber Genieverdacht bescheinigen, ihre Finger im Spiel haben) und der Schlussapplaus war noch nicht verklungen, als gefühlte 50 % der Zuschauer ihr Handy zückten und die Zahl der eingegangenen SMS checkten. An ihrem Gesichtsausdruck (selbstgefällig, neutral oder enttäuscht) konnte man die ungefähre Zahl ablesen.

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Was ist eigentlich aus den indischen Rosenverkäufern geworden? Man sieht sie so gut wie gar nicht mehr. Wenn ich früher als einziger Single in einem Lokal voller  Heteropärchen sass (weil niemand mit mir ausgehen wollte, ich bin manchmal sogar allein zum Kegeln gegangen), war das meine einzige Genugtuung:  Ich musste i.G. zu den Kavalieren in Begleitung nicht ständig diese Typen abwimmeln. Vielleicht hat sich das mit dem schleichenden Niedergang Deutschlands und dem Aufstieg der Schwellenländer verlagert. Jetzt sind Deutsche in Indien als Rosenverkäufer unterwegs: „Ich Ich-AG, Du Rose!“

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Zum Schluss wie immer (ok, das ist übertrieben, weil das heute die Premiere ist) mein persönliches Fundstück der Woche – es kommt ja immer wieder vor, Gott sei Dank nicht allzu oft, dass ich einen Spruch eines Kollegen höre oder lese, bei dem ich mir wünsche, dass er mir eingefallen wäre. Heute stammt er vom britischen Kollegen Sean Hughes: „Wir haben alle irgendwann als Spermium begonnen und werden als Asche enden. Fazit: Das Leben ist wie in einen Aschenbecher wichsen.“

Das Problem ist nur: Man findet heute ja kaum noch Aschenbecher!

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Daddy Cool

Schon aufgefallen? Die Deutschen sitzen wieder im Strassencafe. Besser gesagt, sie zelebrieren es.  Das fängt mit der Sitzposition an. Den Arsch an der vorderen Stuhlkante, die Beine ausgestreckt oder lässig übereinandergeschlagen (in der Knöchel-auf-Knie-Variante, sieht noch entspannter  aus als Oberschenkel auf Oberschenkel), die Arme hinter dem Kopf verschränkt, falls nicht gerade am Handy herumfingert wird, um den Facebookfreunden mitzuteilen, dass man in der Sonne sitzt, kurzum: in dieser vermeintlich coolen Pose, die mit jeder Faser des Körpers signalisiert, um nicht zu sagen hinausschreit: „He Leute, ich bin Daddy Cool, der Lebenskünstler vom Dienst“! Soviel zu den Männern.

Bei den Frauen fällt vorallem auf, dass sie tagsüber die Gesichter wie Satellitenschüsseln millimetergenau auf die Sonne ausrichten, als ob es sich um eine nicht erneuerbare Ressource handeln würde, von der nur noch ein schnell dahinschwindender Restbestand existiert. Abends ist dann das sich in diese kuscheligen Decken einhüllen angesagt. Bei den Damen lasse ich es durchgehen, da lautet die Botschaft: „Ich bin fragil und schutzbedürftig, sprich feminin, aber ich trotze tapfer den Unbillen der noch kalten Frühligsnächte!“ Beim Mann bedeutet es für mich einfach nur:  „Ich bin ein Weichei!“

Kurzum: ich habe nie verstanden, was so toll daran sein soll,  in einem womöglich direkt an einer vielbefahrenen Strasse gelegenen  Freiluftcafe zu sitzen, wenn  der angenehm temperierte marmorgeflieste Innenraum die Alternative darstellt. 

 Fazit: Im Strassencafe zu sitzen hat mit Champagner, Analverkehr und Trüffeln  eines gemeinsam:   Alle drei werden masslos überbewertet. OK, Vergleiche waren  noch nie meine Stärke!

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Ein Phänomen, das nicht strassencafespezifisch ist, aber dort besonders nervt: Es hat sich allgemein eingebürgert, dass man in Lokalen und öffentlichen Verkehrsmitteln nicht nur einen Sitzplatz für sich beansprucht, sondern auch für  mitgeführte Taschen, Einkaufs-tüten und sonstige Utensilien, die konzentrisch um einen herumgruppiert werden. Platzsuchende Gäste / Fahrgäste werden erste einmal so gut es geht ignoriert. Falls diese es wagen, in devotem Tonfall die Bitte zu äussern,   die Zweckentfremdung der belegten Plätze möge doch bitte rückgangig gemacht werden, wird man erst einmal angeschaut, als ob man von einem andern Stern kommt. Dann zieht der Angesprochene eine beleidigte Fress , als ob er garade informiert worden sie, HIV positiv zu sein. An diesem Punkt mache ich dann meistens einen Rückzieher, nicht ohne die betreffende Person wissen zu lassen, dass ich neben so jemandem nicht sitzen möchte.

Es ist bekannt, dass im Showbusiness  mehr gekokst wird als sagen wir mal
im Kloster oder im Innenministerium. Inzwischen hört man aber immer häufiger Gerüchte, dass auch einzelne i.d.R. jüngere Kabarettisten dieser Droge nicht abgeneigt sind, weil der Leistungsdruck speziell bei hoher Fernsehpräsenz (da kann ich ja nun gottseidank nicht mitreden) immer grösser wird.

Wenn Sie mich fragen (aber mich frägt ja keiner): Ich finde, das ist nicht in Ordnung! Das ist unlauterer Wettbewerb! Das ist Doping! Die koksen sich den Wolf und verschaffen sich dadurch eine Bühnenpräsenz, die sich gewaschen hat, während sich unsereins – als verantwortungsvoller Familienvater – gerade mal ein Glas Rotwein zum Essen gönnt. Man hat schliesslich die teuren Internate der Kinder, die wegen Kiffens von der normalen Schule geflogen sind, zu finanzieren. Falls es sich nicht gerade um Salem im Allgäu handelt, wo inzwischen Drogentests eingeführt wurden, ist allerdings die Aussicht auf Drogenabstinenz eher theoretischer Natur, Internate gehören  nun mal zu den zugkräftigsten Drogendealermagneten.

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